Ein Strukturproblem - und die Frage nach dem Zuschussbedarf

10.8.2010

Reicht der Publikumserfolg bei der 60. Spielzeit der Eutiner Festspiele für einen weiteren Weg in die Zukunft?

Die Künstler und die Sonne haben ihr Bestes gegeben. Endlich wieder waren mehrere Vorstellungen auf der Freilichtbühne ausverkauft, wurden "Freischütz" und "Traviata" echte Zugnummern für die Eutiner Sommeroper. Tosenden Schlussapplaus ernteten beide Inszenierungen noch einmal bei den letzten, wieder trocken über die Bühne gegangenen Aufführungen am Wochenende.

Nun aber beginnt, noch bevor die drei Gala-Abende Ende August das Finale der 60. Spielzeit bilden, in der Opernscheune das erste Aufrechnen: Sehen die Eutiner Festspiele finanziell wieder Land? Geschäftsführer Josef Hussek kann dazu derzeit nicht viel sagen: Er ist nach Innsbruck abgereist, wo er in dieser Woche seine Verpflichtung als Jury-Mitglied bei einem Musik-Wettbewerb erfüllt.

Die Fragezeichen in Sachen Kostendeckung sind groß, vor allem bei den Eutiner Stadtvertretern - sie sind die ersten, die bei einem erneuten Defizit gefragt sind, ob sie zu einer weiteren Finanzhilfe bereit sind. Über 800 000 Euro hat die Stadt in den vergangenen zwei Jahren bereits in den Erhalt der Festspiele investiert. Sind die sinnlos vertan, wenn sich erneut eine deutliche Lücke auf der Habenseite auftut?

Interims-Intendant Daniel Kühnel hat, wie vom OHA berichtet, vor Wochen bereits die Politiker gemahnt, nicht vor der sichtbaren Aufwärtsentwicklung der Festspiele die Augen zu verschließen. Wörtlich: "Gegen alle Schwarzmalerei ist die Opernscheune nicht abrissreif. Diese Spielzeit zeigt: Sie steht. Aber man muss weiter investieren, damit es noch besser wird."

Ein Jahr sei zu kurz, um ein über mehrere Spielzeiten irgendwie in Verruf und ins Abseits geratenes Kulturunternehmen gleich zu neuer Blüte zu führen, so Kühnel weiter. Dieser Prozess bedürfe nicht nur eines guten Konzepts, sondern auch eines festen Hilfswillens bei den öffentlichen Trägern und Zuschussgebern. Das Potenzial, die Festspiele für ein breites Publikum attraktiv zu machen, sei in Eutin sehr groß.

Der Intendant, der Ende August sein im Dezember notfallartig übernommenes Amt wieder abgeben will, erinnerte bei seinem Appell an die Riesenlasten der jüngsten Vergangenheit. Vor einem Jahr seien die Festspiele mit einer Auslastung von knapp 50 Prozent, fast 750 000 Euro Defizit und zusätzlichen 483 000 Euro Minus aus 2008 faktisch am Ende gewesen. In der Tat: Ohne die als Eigenkapital geltenden Darlehnsmittel der Stadt, die Nothilfen von Land und Kreis sowie eine sechsstellige Privatspende eines Unternehmers wäre es im Herbst 2009 nicht mehr möglich gewesen, die 60. Spielzeit zu planen, geschweige denn, sie in Szene zu setzen.

Aus einigem Abstand hat Heinz-Dieter Sense, der überraschend im Dezember als Intendant zurückgetreten war, die Entwicklung seitdem bei der Eutiner Oper verfolgt. "Ich freue mich für die Festspiele, dass das Wetter besser ist als vorigen Sommer. Meine Entscheidung zum Rücktritt war richtig, das bot eine neue Chance für die Festspiele", sagte er dem OHA.

Sense hatte 2009 bei der Ursachenforschung, warum die Sommeroper über die Jahre immer tiefer in die roten Zahlen gerutscht war, neben einer viel zu späten Reaktion auf neue Publikumsansprüche auch auf einen Konstruktionsfehler der Opernscheune hingewiesen. Sie war vor 2001 auf Druck der Denkmalpflege, die den Schlossgarten von Fremdbauten frei sehen wollte, eingerichtet worden. Für den Scheunenbau haben die Festspiele nicht nur einen 500 000 Euro hohen Kredit zu bedienen, sondern auch die jährlichen Unterhaltskosten zu tragen. Zudem belasten den Etat auch die Kosten für die Freilichtbühne.

Senses Vorschlag, die Immobilienbewirtschaftung in andere Trägerschaft zu überführen und die Festspiele nur über den künstlerischen Betrieb zu definieren, ist in Eutin bis heute nicht beschlussreif diskutiert worden. An diesem Strukturproblem aber wird niemand vorbeikommen, der redlich über die Zukunft der Festspiele entscheiden soll.

 

OHA, 10.08.2010

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